Arbeitsschutz, Digitalisierung

Arbeitssicherheit bedeutet Kommunikation - Davide Scotti

Interview für den Safety Management Trend Report 2021

7 Minuten 

Für den Safety Management Trend Report 2021 hat Quentic führende europäische Expertinnen und Experten aus dem Bereich Arbeits- und Gesundheitsschutz zu ihren Ansichten und Einschätzungen befragt: Was sagen sie zum Status Quo im Arbeitsschutz, wie bewerten sie die aktuellen Trends und Entwicklungen und worauf sollte im Jahr 2021 der Fokus liegen? Lesen Sie die Meinung von Davide Scotti - Experte, Autor und Referent im Bereich kultureller Wandel im Arbeits- und Gesundheitsschutz.

Kultureller Wandel im Arbeitsschutz

Herr Scotti, Sie setzen sich seit Jahren für einen kulturellen Wandel im Bereich der Arbeitssicherheit ein. Welchen Ansatz verfolgen Sie dabei und warum? 

Aus meiner Sicht gibt es keinen richtigen oder falschen Ansatz. Tatsächlich geht es bei den verschiedenen Bezeichnungen immer um dasselbe, nur das Etikett ändert sich. Letztlich zielt jedes Programm auf Veränderung innerhalb der jeweiligen Organisation ab. Der Unterschied liegt in der inhaltlichen Ausgestaltung. Der Inhalt dieser Programme muss deshalb höchste Standards erfüllen, glaubwürdig sein und die Belegschaft emotional erreichen. Der Ansatz, der am ehesten für die Ziele steht, die ich vertrete, ist Safety Leadership. Dabei geht es darum, die wesentlichen Werte von Arbeitssicherheit aktiv in die Praxis umzusetzen – und zwar indem wir die betrieblichen Abläufe infrage stellen, an die wir uns alle gewöhnt haben. Dafür müssen wir jedoch die Führungskräfte ins Boot holen. Wir müssen sie auf emotionaler wie auf rationaler Ebene erreichen, für das Thema Arbeitssicherheit sensibilisieren und motivieren und ihnen die nötigen Tools an die Hand geben, mit denen sie alle Mitarbeitenden ihrer Organisation für den Gesundheits- und Arbeitsschutz gewinnen können.

Erfolge messen und sichtbar machen

Wo wir gerade von Zielen sprechen: Was sind die wichtigsten Kriterien, um den Erfolg von Arbeitssicherheit in einem Unternehmen zu messen? 

Bedauerlicherweise beschränken wir uns zumeist auf die Zahlen und Fakten, die wir der Geschäftsführung und den Aktionären als greifbare Beweise für die erzielten Ergebnisse vorlegen können. Ich glaube jedoch, dass es deutlich wichtigere Faktoren gibt, die sich jedoch nicht so leicht messen lassen. Dazu gehört alles, was man sieht, hört und spürt – all die Sinneseindrücke und Erfahrungen, die man direkt am Arbeitsplatz macht. Alles, was sich zeigt, wenn man einem Mitarbeitenden in die Augen schaut. Die Energie, die am Arbeitsplatz spürbar ist. All diese Faktoren sollten wir aus meiner Sicht gründlich unter die Lupe nehmen. Doch wie kommen wir an diese Informationen heran? Indem wir Fragen stellen!

Safety Management Trend Report 2021

Davide Scotti ist einer von elf internationalen Experten, die zum Safety Management Trend Report 2021 beigetragen haben. Laden Sie hier den kostenlosen Report herunter und erhalten:

  • Perspektiven: Einschätzungen von führenden Expertinnen und Experten aus acht Ländern zu den wichtigsten Trends und Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Arbeitsschutz.

  • Praxis: Erstmals wird der Safety Management Trend Report durch eine große Umfrage unter Fachkräften aus ganz Europa ergänzt

  • Ausblicke: Welche Prioritäten setzt zukunftssicherer Arbeitsschutz? Worauf sollten Fachkräfte sich jetzt konzentrieren? 


Jetzt herunterladen!

Unkonventionelle Sicherheitskommunikation

Aus Ihrer Sicht kommt es also darauf an, die Mitarbeitenden emotional zu erreichen. Haben Sie sich deshalb auf unkonventionelle Kommunikation spezialisiert? Sehen Sie darin einen neuen Trend? 

Am häufigsten sprechen wir heute von der Digitalisierung als Trend. Selbstverständlich dürfen wir den nicht außer Acht lassen. Dennoch dürfen wir nie vergessen, dass Technologie zwar ein nützliches Hilfsmittel ist, die Herzen von Menschen aber niemals ersetzen kann. Deshalb sind Kommunikation und Informationsaustausch so wichtig. Dafür gilt es, ein passendes Netzwerk zu schaffen und die Mitarbeitenden zu motivieren. Das bedeutet, dass wir uns sehr anstrengen müssen, die verschiedenen Kommunikationsmethoden effektiv einzusetzen. Das gilt auch für Schulungen. Der Einsatz digitaler Technologien ist während der aktuellen Corona-Pandemie unerlässlich. Dennoch müssen wir lernen, die Motivation der Belegschaft konstant hochzuhalten und virtuelle Tools zu nutzen, die gut funktionieren und effektiv sind.  

Tipps für besseren Arbeitsschutz im Jahr 2021

Welchen Ratschlag würden Sie Arbeitssicherheitsfachkräften für 2021 mit auf den Weg geben?

Gerade Berufseinsteigern würde ich sagen, dass sie eine tiefe Leidenschaft für das Thema Arbeitssicherheit entwickeln müssen. Denn dieser Beruf kann sowohl sehr frustrierend als auch sehr bereichernd sein. Deshalb braucht man jede Menge Leidenschaft und Engagement, aber auch Mut, Widerstandskraft und Kreativität. Ich glaube, dass jetzt der beste Zeitpunkt ist, um in diesen Beruf einzusteigen. 

Arbeitssicherheitsfachkräften und HSE-Managern, die schon eine Weile in dem Sektor tätig sind, rate ich, die Chancen zu nutzen, die sich derzeit bieten. Der Zeitpunkt für einen Wandel im Arbeits- und Gesundheitsschutz ist deshalb so günstig, weil die Menschen im Zuge der Corona-Pandemie verstanden haben, wie wichtig das Thema Sicherheit ist. Das hat dazu geführt, dass die Menschen ihre Verhaltensweisen ohnehin schon grundlegend verändert haben.  

Durch die Pandemie sind wir uns alle auch unserer Verantwortung bewusst geworden – nicht nur der unmittelbaren Verantwortung uns selbst gegenüber, sondern auch unserer Verantwortung gegenüber unserem Umfeld und der Gesellschaft insgesamt. Deshalb lautet mein Ratschlag heute mehr denn je: Alle Mitarbeitenden und Vorgesetzten müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie sie ihrer individuellen und gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen können.  

Davide Scotti
Experte, Autor und Referent im Bereich kultureller Wandel im Arbeits- und Gesundheitsschutz

Davide Scotti leitet die Abteilung Corporate HSE Culture, Communication & Training bei Saipem. Seit 2010 ist er außerdem als Generalsekretär für die Leadership in Health and Safety (LHS) Foundation tätig.

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