Arbeitsschutz

Auf geteilter Mission für Sicherheitskultur und Safety Leadership

Ein Gespräch zwischen Prof. Dr. Andrew Sharman und Timo Kronlöf

8 Minuten14.12.2021

Die HSE-Experten Timo Kronlöf und Prof. Dr. Andrew Sharman eint eine gemeinsame Mission: Sie inspirieren Fachkräfte für Arbeitssicherheit weltweit zu den Themen Sicherheitskultur und Leadership. Der eine beschreitet seit über zwei Jahrzenten sowohl eine akademische als auch wirtschaftliche Laufbahn und gilt dabei als dynamischer und visionärer Vordenker im Arbeitsschutz. Der andere hilft Unternehmen als Head of Business Development für den Softwarelösungsanbieter Quentic dabei, den großen Herausforderungen des HSE-Bereichs zu begegnen. Für den Safety Management Trend Report trafen sich die beiden zum virtuellen Gespräch über Trends und Entwicklungen im Arbeitsschutz.

Evolution statt Revolution im Arbeitsschutz

Timo Kronlöf: Wir kennen uns nun schon seit fünf oder sechs Jahren. Würden Sie sagen, dass sich in dieser Zeit etwas grundlegend verändert hat? Konnte der Arbeitsschutz in einem Bereich relevante Fortschritte verzeichnen?

Andrew Sharman: Einerseits hat es aus meiner Sicht keinen Wandel gegeben, denn im letzten Jahr sind erneut 2,78 Millionen Menschen weltweit durch Arbeitsunfälle gestorben. Andererseits hat sich sehr viel verändert. Der Beruf der HSE-Fachkraft hat sich verändert: Arbeitssicherheitsfachkräfte sind selbstbewusster geworden und legen mehr Wert auf Soft Skills. Sie erkennen, wie wichtig es ist, eine Führungsrolle zu übernehmen, anstatt ausschließlich beratend tätig zu sein. „Evolution“ lautet hier das Stichwort, nicht Revolution. Die kleinen Schritte in die richtige Richtung und der allmähliche Fortschritt sind entscheidend. Beides können wir heute sehen. Zu behaupten, es hätte sich nichts verändert, weil die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle gleich geblieben ist, würde dem Großen und Ganzen nicht gerecht werden.

Mehr Begeisterung und Anerkennung seit COVID-19 

Timo Kronlöf: Das denke ich auch. Diese Evolution wurde mit der Corona-Pandemie insbesondere im Hinblick auf die Digitalisierung zusätzlich beschleunigt.  Jetzt heißt es Schritt halten – eine zusätzliche Herausforderung für Arbeitssicherheitsfachkräfte – neben den vielen anderen Aufgaben, die sie ohnehin schon haben. Sie sind schließlich nicht nur für die körperliche und mentale Gesundheit der Arbeitnehmenden zuständig, sondern auch für deren Wohlbefinden. Zusätzlich verantworten sie oft auch Qualitäts- und Umweltmanagement. Glauben Sie, dass HSE-Fachkräfte zu viele Rollen gleichzeitig übernehmen müssen?

Andrew Sharman: Ja und nein. Der Beruf ist so besonders, weil er mit allen Teilen einer Organisation verbunden ist. Im Zuge der Corona-Pandemie sind noch weitere Rollen dazugekommen, etwa die des Gesundheitsexperten oder -beraters. Diese Vielfalt macht den Beruf für mich zu einem der spannendsten, den es gibt. Viele Fachkräfte bestätigen mir das: „Ja, der Beruf ist hart und anspruchsvoll. Aber er ist auch sehr befriedigend, weil mein Chef mir zuhört“. Aktuell erlebe ich sehr viel mehr Begeisterung für diese Arbeit als früher.

Timo Kronlöf: Dem stimme ich zu. 

Infografik Fachkraft für Arbeitssicherheit 2021

Arbeitssicherheit im Jahr 2021

Infografik

Wie hat sich die Tätigkeit der Fachkraft für Arbeitssicherheit durch die Corona-Pandemie verändert? Welche Rolle nimmt die Digitalisierung dabei ein und welche neuen Aufgaben ergeben sich daraus?

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Andrew Sharman: Allerdings müssen HSE-Fachkräfte das neu gewonnene Vertrauen ihrer Unternehmen nun auch nutzen, um den Dialog zu erweitern. Denn neben der Lösung Corona-bedingter Probleme birgt die aktuelle Situation auch die Chance, andere arbeitsschutzrelevante Themen wie mentale Gesundheit auf die Tagesordnung zu bringen.

Fokus auf Sicherheitskultur und psychologische Sicherheit

Timo Kronlöf: Richtig. Wir sprachen mit Amy Edmondson von der Harvard Business School über psychologische Sicherheit. Sie stellte fest, dass in manchen Unternehmen verbesserte Arbeitssicherheit mit schlechteren Zahlen hinsichtlich Vorfällen und Beinahevorfällen einhergehen. Möglicherweise melden Mitarbeitende in solchen Unternehmen nämlich mehr Gefahren und Risiken, weil sie die nötige psychologische Sicherheit haben, und nicht versuchen, Probleme unter den Teppich zu kehren. Jedenfalls besteht aus meiner Sicht das Risiko, dass Menschen Angst davor haben, Missstände am Arbeitsplatz offen anzusprechen und Fehler zu melden. Sehen Sie dieses Risiko auch?

Andrew Sharman: Ich denke, dieses Risiko ist nicht neu. Die Kultur einer Organisation beeinflusst das Verhalten der Personen, die sich in ihr bewegen. Herrscht eine negative Kultur am Arbeitsplatz, werde ich nicht den Mund aufmachen und meine Bedenken laut aussprechen. Es gibt jedoch noch ein weiteres psychologisches Risiko, das aktuell sehr präsent ist. Bei der IOSH haben wir mit HSE-Fachkräften rund um den Globus gesprochen. 75 Prozent sagten, dass sie durch die Corona-Pandemie selbst ängstlicher geworden seien. Diese Ängste können durch das Virus selbst ausgelöst werden, aber auch von grundsätzlicher Natur sein. Viele machen sich Sorgen über die Zukunft ihrer Arbeitsplätze und ihrer Unternehmen. Dadurch wird sich auch das Denken über psychologische Sicherheit verändern.

Timo Kronlöf: Definitiv. Sicherlich kann Leadership auch hier eine wichtige Rolle spielen, um den Menschen in einem Unternehmen die nötige mentale Stabilität zu geben und zugleich die Veränderungen im Zuge der Corona-Krise effektiv zu begleiten.

Andrew Sharman: Ja. Neben den möglichen organisatorischen Veränderungen müssen Führungskräfte auch beobachten, inwiefern ein kultureller Wandel stattfindet, und darüber nachdenken, wie sie ihn beeinflussen können. Wenn wir akzeptieren, dass Ängste und Sorgen zu einer Veränderung von Verhaltensweisen und Kulturen führen kann, muss Leadership genau hier ansetzen. Man muss Vertrauen aufbauen und authentisch und glaubwürdig auftreten, um ein bestimmtes Maß an psychologischer Sicherheit zu gewährleisten.

Timo Kronlöf: Sie sprechen hier von Leadership bei HSE- und Arbeitsschutzmanagern. Sehr häufig sind diese jedoch gar nicht in Führungspositionen.

Andrew Sharman: Mit Leadership meine ich keine Positionen oder Titel, sondern eine Verhaltensweise: Leadership zeigt sich im Handeln. Wir alle haben Führungspotenzial, denn Leadership kann man erlernen.

One Percent Safer: Nachhaltiger Erfolg im Arbeitsschutz

Timo Kronlöf: Sie selbst sind ein großes Führungsvorbild. Aktuell verfolge ich Ihre „One Percent Safer“-Bewegung. Was ist das Besondere an dieser neuen Initiative?

Andrew Sharman: Was mich im Arbeits- und Gesundheitsschutz wirklich stört, ist das binäre Verständnis von Performance, sprich: der einseitige Fokus auf Null Unfälle. Bei diesem Ansatz ist es nämlich gleichgültig, ob es zu einem Arbeitsunfall kommt oder zu hunderten – das Ziel wird immer verfehlt. Es ist nicht nur demotivierend, sondern es ist auch kurzsichtig, Menschen damit unter Druck zu setzen, dass es nur akzeptabel ist, wenn ausnahmslos alle Unfälle vermieden werden.

Ich habe eingangs erwähnt, dass wir im Arbeitsschutz nicht viele Fortschritte erzielt haben. Noch immer sterben jedes Jahr 2,78 Millionen Menschen an den Folgen eines Arbeitsunfalls. Das sind 7.616 täglich, 317 pro Stunde und einer alle zehn Sekunden. „One Percent Safer“ legt den Schwerpunkt auf marginale Verbesserungen und allmähliche Fortschritte. Wenn wir es schaffen, die Arbeitswelt nur um ein Prozent sicherer zu machen, gehen jedes Jahr schon 28.000 mehr Menschen unverletzt in den Feierabend.

Das Buch als Grundpfeiler dieses Projekts möchte Organisationen ermutigen, sich nicht auf das Ziel „Zero Accidents“ festzulegen, sondern sich stattdessen darauf zu konzentrieren, echten, nachhaltigen Fortschritt zu bewirken. Im Buch kommen 142 der weltweit führenden HSE-Experten zu Wort, die Ratschläge dazu geben, wie Organisationen weltweit ein Prozent sicherer gemacht werden können.

Timo Kronlöf: Das ist auf jeden Fall ein sehr inspirierendes Projekt. Vielen Dank, Andrew. Ich hoffe, dass wir künftig noch mehr von dieser Idee hören werden.

Safety Management Trend Report 2021

Safety Management Trend Report 2021

Prof. Dr. Andrew Sharman ist einer von elf internationalen Expertinnen und Experten, die an der Panel-Studie für den Safety Management Trend Report 2021 teilgenommen haben. Laden Sie hier den kostenlosen Report herunter und erhalten:

  • Perspektiven: Einschätzungen von führenden Expertinnen und Experten aus acht Ländern zu den wichtigsten Trends und Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Arbeitsschutz.
  • Praxis: Erstmals wird der Safety Management Trend Report durch eine große Umfrage unter Fachkräften aus ganz Europa ergänzt.
  • Ausblicke: Welche Prioritäten setzt zukunftssicherer Arbeitsschutz? Worauf sollten Fachkräfte sich jetzt konzentrieren?

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Andrew Sharman, Interview 2021
Prof. Dr. Andrew Sharman
Präsident der Institution of Occupational Safety and Health

Prof. Dr. Andrew Sharman ist Psychologe, spezialisiert auf Sicherheitsführung, Sicherheitskultur und Organisationsverhalten mit mehr als 25 Jahren Erfahrung.

Timo Krönlof, Interview 2021
Timo Krönlof
Head Of Business Development, Nordics at Quentic

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